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03.12.2012:
Zürcher Literaturhaus, Carte Blanche: Das Jahr meines Lebens

Aufregende Tage lagen hinter mir. Eine Fünf-Sterne-Grippe hatte mir schon über eine Woche lang buchstäblich Stimme und Atem geraubt. Erstickungsähnliche Hustenanfälle ließen meine Teilnahme bei dieser Lesung in immer weitere Ferne rücken. Aber ich vertraute der Erfahrung von Milena Moser: Du wirst sehen, spätestens ab Montag vertreibt das Adrenalin alle anderen Tierchen! Viele gute Gedanken begleiteten mich auf der Zugreise nach Zürich, das spürte ich deutlich. Die Hustenanfälle ließen sich zügeln, die Stimme war knarzig und brach manchmal weg. O.k., dachte ich, schlimmstenfalls bitte ich jemand anderen zu lesen.
Das Hotel lag direkt an der Limmat und nur ein paar Schritte vom Zürcher Literaturhaus entfernt. Das war das einzig Positive auf den ersten Blick. Das Zimmer verströmte 60er-Jahre Charme, war aber sauber und das Bett erstaunlich bequem. Die Gemeinschafts-WC- und Duschanlage hatte ich dank des Preises in Kauf genommen - und es stellte sich als völlig unproblematisch dar. Die anderen Gäste sah ich nicht, hörte sie nur auf dem Flur und die Toilette benutzten sie - wie es schien - auch nicht. Gut, dass mein Ältester mich am Nachmittag noch zum Kaffeetrinken ins Sprüngli ausführte und unser Small Talk zu meiner Entschleunigung beitrug.
Milena Moser wartete am Eingang des Zürcher Literaturhauses. Wie die rettende Scholle im trügerischen Moor, schoß mir durch den Kopf. Welche Freude, endlich die anderen Mitschreiber mal wieder zu sehen. Ich hatte sie vermißt! Der Zauber der Kursatmosphäre stellte sich auch wieder ein - und verwandelte mein innerliches Zittern in beginnende Gelassenheit.
Dann ging es los. Nebeneinander aufgereiht saßen wir sieben vor einer imposanten Bücherwand. Auf den Tischen vor uns Wasser und nur wenig entfernt die ersten Stuhlreihen der Zuhörer im voll besetzten Haus. Mit lockerer Hand führte Milena in das jeweilige Projekt ein und eröffnete immer wieder eine Fragerunde. Gar nicht so einfach für mich, meine Huster auf Pausen zu verschieben und meine Sorge, ob ich es wirklich störungsfrei schaffen würde, wuchs. Dann war es so weit. Ich war dran. Langsam, sehr langsam begann ich. Ich hörte meine Stimme wie ein tiefes fremdes Rauschen. Nach einigen Sätzen hob ich den Blick und schaute zu den Zuhörern, die leicht vorgebeugt und aufmerksam meinen Wörtern folgten. Nach knapp zehn Minuten war ich durch - der letzte Manuskriptsatz endet mit einem Fragezeichen - was wie es scheint ein gutes Ende war. Beim Apéro fragte man interessiert, wie es denn weiter geht, ob man das Buch erwerben könne. Nein, so weit ist es noch nicht. Ich stecke ja noch mitten drin. Die Bearbeitung ist in vollem Gange. Jeden Absatz laut lesen und prüfen. Bleibt er so? Braucht es ihn? Und dann neu schreiben.
Aber nach diesem Zürcher Erlebnis sollte es flott voran gehen, denn nun sitze ich voll Energie wieder am Schreibtisch und stürze mich auf die zweite Fassung des Manuskripts. Und die Grippe? Milena, du hast Recht behalten: Das Adrenalin hat die Tierchen recht erfolgreich vertrieben. Ab und an gibt es noch ein kurzes Intermezzo - aber nicht zu vergleichen mit vor der Lesung!
Übrigens: Was ist so anders an Milenas Schreibkursen? Ihr Motto! Bei ihr heißt es: "Erst schreiben, dann denken!"